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Erinnerungszwang

Beim Ausmisten von alten Sachen und beim Zusammenpacken seines gesamten Besitzes wird man quasi dazu gezwungen, in einem Strudel aus Erinnerungen zu versinken. Es gibt Dinge, die man schon beinahe vergessen hätte, aber wenn man sie dann wieder in den Händen hält, sind sie einem so wichtig, dass man heulen könnte bei dem Gedanken es zu verlieren. Und zu guter Letzt verschwindet so etwas dann doch wieder irgendwo und taucht erst nach Jahren wieder auf... Manchmal denke ich, die Vergangenheit ist vergangen und was zählt ist die Zukunft. Und dann in so einer Situation ist die Vergangenheit plötzlich wieder wichtig. Es ist trotz allem ein Teil von einem und auch wenn man Fehler gemacht hat und sich verändert hat, gehört es einfach dazu.

Dem Umzug stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber. Auf der einen Seite ist es wie eine Art Neuanfang, das Zimmer ist groß, die Wohnung ist schön, auf der anderen Seite wühlt es so sehr auf. Ich habe Angst etwas Wichtiges zu vergessen, Angst etwas Wichtiges zu verlieren, Angst dass etwas Wichtiges kaputt geht. Manchmal kommt es mir vor, als würde die Zeit nur so fliegen, mir davonlaufen, manchmal scheint es sich noch ewig zu ziehen. Wir haben heute Teppichboden ausgesucht, meiner ist rot mit kleinen schwarzen Mustern. Wir ziehen in das Dorf, in dem ich die ersten sieben Jahre meines Lebens verbracht habe, allerdings auf den genau gegenüberliegenden Berg als damals. Es ist schon schön dort, ich kenne mich noch aus, wir haben Verwandte und Freunde dort, mich stört nur die Tatsache, dass es keinen Bahnhof gibt. Anstatt Bus und Bahn habe ich nur noch den Bus zur Verfügung und muss für einen Bahnhof erst in die nächste Stadt fahren. Erschwert das Zusammensein mit meinem Schatz ein bisschen, behindert die Mobilität, aber ich denke man gewöhnt sich daran. Heute habe ich schon drei Umzugskartons gepackt.

In der Schule hat heute keiner Notiz von mir genommen, nur als ich in Religion das Zimmer betreten habe, meinte ein Kerl zu seinem Kumpel „Was will die denn hier?“ was wohl daran lag, dass ich noch nie zuvor in Religion war. Mein vierter Schultag dieses Jahr und ich finde mich noch immer nicht zurecht. Die Schule kenne ich erst seit Mai, die Klassenkameraden erst seit zwei Wochen. Meine drei Freundinnen sind jetzt eine Klasse über mir und eine davon war heute krank. Ich überlege mir, ob es mir noch rechtzeitig zum Zug reicht, wenn ich immer die große Pause über noch in der Schule bleibe, dann können wir wenigstens ein bisschen reden. Samstag geht’s wahrscheinlich in die Stammkneipe, war ich schon lange nicht mehr, mal schauen.

Warum fahren alle Züge von Lauffen nach Heilbronn jede halbe Stunde mindestens, aber genau zu der Zeit, in der der richtige Zug zur zweiten Stunde Schule kommen sollte, kommt keiner zur regulären Minutenzahl, so dass ich eine Schulstunde zu früh an der Schule bin? Hat mich heute Morgen leicht geärgert, auch wenn es eigentlich unwichtig ist. Da donnerstags die erste Stunde frei ist, geh ich die zweite und dritte und hab die große Pause dazwischen. Kann man jetzt positiv oder negativ sehen…

Gerade bin ich allein zu haus, da meine Mutter arbeitet. Vorhin habe ich mal wieder laut mit Verstärker Gitarre gespielt, je länger ich das tue, desto mehr Sachen kann ich wieder spielen, von denen ich geglaubt hatte, sie vergessen zu haben. Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr Gitarre zu spielen und seit Sonntag halte ich es eigentlich noch ganz gut ein. Mit dem Vorsatz, wieder zu zeichnen, klappt es momentan nicht so gut. Ich nehme mir immer viele Sachen vor und krieg es dann irgendwie nicht auf die Reihe es umzusetzen. Ich wollte mir jeden Ordner nehmen, in den ich wahllos Papier hineingestopft habe, vornehmen und aussortieren, was ich noch direkt brauche und all das Wichtige in einen extra Ordner packen. Ich wollte Dinge, die ich nicht mehr brauche, wegwerfen, das scheitert jedoch an den Erinnerungen. Ich wollte meinen Schreibtisch, die Lieblingsschublade meiner Ratte und den Papierhaufen neben dem Computer aufräumen. Ich wollte mehr Bilder von meinem Schatz ausdrucken, die Bandfotos aus dem Album rausnehmen und das Album nur mit meinem Schatz füllen. Mal schauen, was ich davon alles machen werde.

Seit Jahren verfolgen mich das dritte Reich und der zweite Weltkrieg. Immer wieder werde ich damit konfrontiert, ob in der Schule, im Konfirmandenunterricht, in der Freizeit oder gar in Schulaufführungen von meinem Schatz. Seit wir mit der Konfirmandengruppe im KZ waren, geht mir der ganze Mist ziemlich nahe und ich muss oft darüber nachdenken. Ich glaube, dass so etwas in der Art jederzeit wieder passieren könnte, auch wenn jeder sagt es sei nicht möglich. Die Menschen sind einfach dumm genug, denselben Fehler wieder zu machen, gerade weil sie glauben durch die vielen Informationen kann es nicht wieder passieren. Was damals geschah hat zu einem großen Teil damit zu tun, wie der Mensch einfach von Natur aus gestrickt ist. Dass er sich gerne für etwas Besseres als andere hält, leicht für etwas zu begeistern ist, oft der großen Masse folgt und von Natur aus grausam veranlagt. Die meisten Menschen wollen zu einer Gruppe gehören und immer dann gibt es die, die nicht dazu gehören. Seien es Cliquen in der Schule, Musikszenen, religiöse Gruppierungen oder politische Parteien. Auch Randgruppen haben immer ein Zusammengehörigkeitsgefühl, Minderheiten stellen sich gegen den „Rest der Welt“. Es gibt immer verschiedene Gruppen, Rassen, Parteien und immer wird es die Starken und die Schwachen geben.

Auch ich suche eine Gruppe von Leuten, die mich so nehmen wie ich bin, die mich kennen, die mich auf eine Art bewundern für die Dinge die ich gut kann oder die an mir besonders sind, so wie ich sie auf eine Art bewundere für die Dinge die sie gut können oder die an ihnen besonders sind. Leute, mit denen man Spaß haben kann, Dinge unternehmen, aber auch reden kann, die zusammenhalten. Eine Zeit lang glaubte ich „meine“ Clique gefunden zu haben, bis sie immer größer wurde, Leute dazukamen, die ich nicht kenne und mich mittlerweile in der Gesellschaft kaum noch wohl fühle. Ein Wunsch von mir war immer, auf irgendeine Art in der Szene bekannt zu sein, beliebt zu sein. Dass Leute, wenn sie mich sehen, denken „Ach das ist doch die und die“, dass ich einfach integriert bin. Eine Weile habe ich es im Internet versucht, aber auch das ist vergänglich. Ich weiß nicht, vielleicht wird es immer ein Traum bleiben.

Noch 13 Tage bis mein Schatz kommt! <3
5.10.06 15:24
 


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