Gedankengrab

 



Gedankengrab
  Startseite
  Archiv
  Für Laura
  Person
  Playlist
  Gästebuch
  Kontakt

 

http://myblog.de/happy-little-boozer

Gratis bloggen bei
myblog.de





Links
  Lauras Blog
  Das Meat'n'Greet
  Nights of Metal
 
Die Gründung

Die Tore der Schule waren noch nicht geöffnet, nur vereinzelt standen Schüler im Pausenhof. In der Ecke am Übergang von Rasen zu Beton standen zwei alte Eichen und eine Bank. Gegen einen der Bäume lehnte ein großgewachsener blonder Junge, der eine viel zu große schwarze Lederjacke mit Aufnähern und Nieten trug. Sein Blick galt dem etwa Gleichaltrigen, der sich schnell näherte und schließlich vor ihm stehen blieb. Ganz außer Atem hockte sich der Braunhaarige, dem die feinen Locken fast die Sicht nahmen, da sie genau bis zur Nasenspitze reichten, auf die Lehne der Parkbank. „Ich habe eine Idee!“ keuchte er mit einem breiten Grinsen, die Augen glitzerten. Der Blonde strich sich das schulterlange Haar aus dem Gesicht und zog -äußerlich fast desinteressiert- verhalten an seiner Zigarette „Ja? Um was geht’s?!“ „Sag ich dir nachher“ meinte der Kleinere mit einem vielsagenden Blick. Er kannte seinen Freund und er wusste, er würde sein Interesse schon noch zeigen, wenn der auf die Folter gespannt werden würde.

Für den Blonden, Jonathan, schien die Schulzeit gar nicht vergehen zu wollen. Immer wieder blickte er während dem Schreiben zu seinem Banknachbar, der jedes Mal nur kicherte und „Nach der letzten Stunde“ flüsterte. Als sie schließlich in der vorletzten Stunde auseinandergesetzt wurden, kritzelte der Braunhaarige, Max, auf einen Zettel, der durch die Bankreihen wanderte: „Komm nach der Schule zum Haus meiner Oma“ Dann meldete er sich und erzählte dem Lehrer davon, wie schlecht ihm sei und dass er unbedingt nach Hause müsse. Als er aus der Tür ging grinste er Jonathan noch einmal zu und verschwand schnell. Dieser wusste nicht, was er nun davon halten sollte, entschloss sich also dazu, das zu tun, was auf dem Zettel stand.

Als er um halb Zwei vor dem Zaun zum Gemüsegarten von Max’ Großmutter stand und wartete, fragte er sich schon, was der ganze Staatsakt sollte. Schließlich tauchte Max strahlend aus der Kellertür auf und rief: „Komm hier rein! Das musst du dir anschauen.“ Jonathan folgte diesem Rat und betrat den unterirdischen Raum. Max führte ihn durch den dunklen Gang bis zu einer schweren Tür, die er schließlich aufhielt. „Darf ich vorstellen: Unser Proberaum!“ Staunend ging der Blonde durch den Türrahmen und sah sich im Zimmer um. Das kleine vergitterte Fenster ließ nur wenig Sonnenlicht hinein, der Rest des Raumes wurde von Strahlern an den Wänden und an der Decke erhellt. Auf der einen Seite des Zimmers stand eine alte Couch und ein kleiner Holztisch, auf dem zwei Flaschen Bier positioniert waren. Auf der anderen Seite war ein Computer aufgebaut, angeschlossen an die großen Boxen von Max’ Stereoanlage, die daneben stand, kurz dahinter seine gesamte CD-Sammlung, geordnet nach Name der Band und Erscheinungsjahr des Albums. In der Mitte waren ein kleiner und ein großer Gitarrenverstärker, zwei Gitarrenständer –in einem von ihnen befand sich Max’ Gitarre- und ein Mikrofon kunstvoll aufgestellt. An den Wänden hingen sämtliche Poster, die Max aus Metalzeitschriften gesammelt hatte. Es sah aus, als hätte Max tagelang hier unten gearbeitet, bis alles so war, wie es nun aussah. Jonathan war sofort Feuer und Flamme, gleich lief er wieder nach Hause, holte seinen Bass und den Verstärker und nachdem alles angestöpselt war, legten die beiden los. Sie hatten schon einige Male zusammen gespielt, aber mussten immer abbrechen, wenn es am Schönsten war, da sich die Eltern oder die Nachbarn über den Lärm beschwerten. Max erklärte, dass der Keller beinahe .schalldicht war, da es eine hochsichere Konstruktion für den Krieg gewesen war. Ob es stimmte, wusste keiner von beiden, aber zumindest bekamen sie für die Lautstärke keinen Ärger, was die Hauptsache war.

Als irgendwann Max’ Großmutter in den Keller kam und sagte, seine Mutter hätte angerufen, sie und Jonathans Vater seien in heller Aufregung, weil die Jungs nicht aus der Schule zurückgekommen wären, sahen sich die beiden an. In der kurzen Zeit, als die Oma schon wieder gegangen war, während Jonathan sein Instrument in die zugehörige Tasche packte, meinte Max noch: „Wenn wir schon einen Proberaum haben, können wir auch eine richtige Band gründen!“ „Ja“ Jonathan grinste breit „Und morgen treffen wir uns wieder hier und feiern die Gründung von… ähm...“ „(Name der Band)!“ sagte Max.

 
Suche nach Mitgliedern

„Wir können schlecht zusammen eine Band sein“ merkte Jonathan schließlich an, der anfängliche Übermut durch diesen Gedanken leicht getrübt. Max drehte die Musik leiser und ließ sich neben ihm auf die Couch fallen, hielt sich an seinem Bier fest „Warum nicht? Es gibt genügend One-Man-Bands, dann sind wir eben zu zweit…“ „Unsinn“ Jonathan runzelte die Stirn „Dann können wir ja nie live spielen. Und außerdem haben wir kein Schlagzeug.“ Max seufzte „Ist ja gut! Ich kenne ja noch ein paar Leute“ „…die unsere Musik hören?“ fragte Jonathan ungläubig. Max nickte „Klar. Mach dir keine Sorgen, ich lass meine Kontakte schon spielen…“ Jonathan seufzte. Was das nun wieder zu bedeuten hatte.

Einige Wochen später tanzte Max zum vereinbarten Zeitpunkt im Proberaum mit drei anderen Jungs an. „Darf ich vorstellen, das sind Lucas, Timo und Daniel. Timo geht auf die Realschule, die anderen beiden sind von unserer Schule.“ Erklärte er dem völlig perplexen Jonathan. Während Max die drei Namen nannte, deutete er jeweils auf einen der drei Kerle. Lucas war ein sportlich aussehender Junge von etwa 14 Jahren. Er hatte kurzes dunkles Haar und trug ein T-Shirt von den Toten Hosen, welches Jonathan skeptisch musterte, während ihm der Junge mit einem Grinsen zunickte. Timo schien älter als die beiden anderen zu sein und hatte einen langen Zopf im Nacken gebunden. Auf seinem T-Shirt thronte ein großes „Fuck you“ und er zog gelangweilt an einer Zigarette. Daniel hieß der Dritte, er war beinahe so groß wie Jonathan, schien aber doch ein paar Jahre jünger zu sein. Sein dunkles Haar reichte fast bis zu den Schultern und er trug ein T-Shirt von In Flames. In den Ohren hatte er die Stöpsel von seinem Discman und schien gar nicht wirklich zuzuhören, als Jonathan die Drei begrüßte.

Schließlich quetschten sie sich zu Fünft auf das Sofa und redeten über Musik, bis Lucas schließlich aufstand, als sein Handy klingelte. Sein großer Bruder fand die Straße, in der Max’ Großmutter wohnte, nicht und wollte nun eine Wegbeschreibung hören, wie er am besten herfahren konnte, wo er doch das auseinandergebaute Drumkit seines Bruders im Kofferraum hatte.

Einige Zeit später waren in dem Kellerraum alle Instrumente aufgebaut und Max schlug vor, einfach mal zusammen zu spielen. Sie einigten sich auf „Run to the Hills“. Jonathan spielte Bass, Max und Daniel Gitarre, Lucas Schlagzeug und Timo sang. Erst einmal war es ein furchtbares durcheinander, doch nach einigen Anläufen klappte es, dass sie zumindest im selben Tempo spielten. Irgendwann stieg immer jemand aus und musste zurück in den Song finden, doch alles in einem hörte es sich gar nicht mal so schlecht an. Allen Beteiligten konnte man ansehen, dass sie Spaß dabei hatten, doch nachdem sie noch ein paar andere Lieder ausprobiert hatten, wollte Timo lieber nach draußen und erstmal eine rauchen.

Diese Probe war zwar die Erste, doch nicht die Letzte. Schnell stellte sich heraus, dass Timo nicht zu den anderen passte. Ihm war die Sache nicht wichtig genug, er hatte zu viele andere Dinge vor und nahm sich keine Zeit für die Band. So ergab es sich automatisch, dass die anderen Vier viele Proben ohne ihn bestritten und sich immer besser verstanden. Irgendwann sagten sie Timo, dass er vielleicht doch nicht so gut in die Band passte und er sah nicht einmal aus, als würde ihn das sehr stören. Als es Max, Jonathan, Daniel und Lucas zu blöd wurde, immer ohne Gesang zu spielen, suchten sie erst noch eine Weile nach einem neuen Sänger, doch als sich niemand finden ließ, nahm Max sich das Mikrofon und alle merkten, dass er diese Position genauso gut einnehmen konnte wie die Gitarre.

 
Max’ Tod

Der Schock stand allen Dreien ins Gesicht geschrieben, als sie sich, ohne es vorher zu vereinbaren, dort trafen, wo sie immer zusammen hingingen: Der Proberaum. Keiner wagte es, ein Instrument anzurühren, keiner wagte es, ein Wort zu sagen. Die stummen Blicke trafen sich gegenseitig, bevor sie schließlich auf der roten Gibson ruhen blieben. Der freie Platz auf der versifften Couch schien zu schreien. In den Ohren der Drei hallten die Worte der immer interessierten Mitschüler nach: „Was ist die Band ohne Max?“ „Löst ihr euch jetzt auf?“ „Ohne Max geht es nicht weiter, es wäre nicht mehr das selbe!“ Er hatte die Band mit ins Leben gerufen, hatte seine gesamte Freizeit dafür geopfert. Keine Kosten und Mühen gescheut die unbekannte Band dahin zu bringen, wo sie jetzt war, hatte ihr den festen Platz im lokalen Underground beschafft. Gabriel blickte zurück auf all die gemeinsamen Jahre, Daniel erinnerte sich an vergangene Gitarren-Sessions und Lucas wünschte sich den Spaß, den sie zusammen gehabt hatten, zurück. Die anderen hatten recht. Es würde nie so werden wie zuvor. Alles hier drin erinnerte an Max. Allein die Tatsache, dass sie hier saßen, hatten sie ihm zu verdanken.

Allein die Reaktion der wenigen treuen Fans sprach Bände. Der männliche Teil bezweifelte, dass es ohne Max’ musikalischen Einfluss weitergehen konnte, der weibliche Teil trauerte um ihren großen Schwarm. Ja, er hatte verdammt gut ausgesehen. Sein Gesicht war auf eine Art markant, auf die andere leicht jungenhaft gewesen, in den Augen war immer ein ehrgeiziges Glitzern gewesen, manch eine Frau hätte sich die langen dunkelbraunen Locken mit dem rötlichen Schimmer gewünscht, die ihm ein ganzes Stück über die Schultern gefallen waren. Aber auch abgesehen von seinem Aussehen schien Max einfach nur perfekt gewesen zu sein. Immer gut gelaunt, immer einen Witz auf den Lippen und nie um eine Antwort verlegen. Er hatte schon als kleines Kind angefangen, Gitarre zu spielen, war mit 12 auf E-Gitarre umgestiegen und hatte schon mit 13 eigene Songs geschrieben, die an ACDC erinnerten. Im Laufe der nächsten Zeit hatte er dann vor allem den Death Metal für sich entdeckt und schnell die Riffs seiner Idole nachspielen können, dann auch eigene Stücke in diesem Genre geschrieben. Um seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen, hatte er Songtexte für seine Lieder geschrieben und auch die Position als Sänger war kein Problem für ihn. Er hatte einerseits eine klare Gesangsstimme, war aber auch in der Lage, tiefe Growls von sich zu geben, die an Chris Barnes erinnerten. Das Haus, in dem der Proberaum war, gehörte seinen Großeltern. Er hatte damals eigenhändig tagelang den Keller umgebaut, um aus diesem Zimmer alles Gerümpel zu entfernen. Damals saßen sie so gut wie jeden Tag in diesem Raum, auch wenn sie nicht spielten, einfach nur um sich zu fühlen wie eine Band.

In den 3 Jahren hatte sich einiges hier drin verändert. Mit dem Einstieg von Lucas und Daniel kam das Drumkit und weitere Verstärker, sowie Effektgeräte dazu. Irgendwann hatten sie auf einen gemeinsamen DVD-Player gespart, ein TV-Gerät in den Keller gestellt und nach den Bandproben gemeinsam Live-DVDs von ihren Lieblingsbands geschaut. Nach einer Weile wurde der Proberaum Bunker für Bierkästen, Chipstüten und allerhand Müll von Fress- und Saufgelagen. Manchmal waren einige Kumpels dabei, aber eine Regel gab es hier unten: absolute Männerzone mit Ausnahme von Max’ Oma, wenn sie Kartoffeln oder Wein holen wollte, welches aufgrund von Platzmangel doch wieder in Kisten in den Ecken des Zimmers untergebracht werden musste. Neben der Couch stapelten sich mehrere Jahre Rock Hard- und Metal Hammer-Magazine sowie EMP-Kataloge, über ein paar Stühlen hingen T-Shirts, Jacken und Kutten, bei manchen Stücken wusste keiner mehr, wem sie eigentlich gehörten. Die Wände hingen nun voll mit Poster, Flaggen und mittlerweile auch Fotos von eigenen Auftritten.

„Nicht zu glauben, dass einfach alles vorbei sein soll…“ murmelte Lucas leise und sprach aus, was alle Drei dachten.

 
Nach den Ferien

Die Sommerferien waren vorbei, und zum ersten Mal nach den sechs Wochen war der Pausenhof morgens wieder mit Schülern gefüllt. Um diese Uhrzeit waren noch nicht viele da, der Unterricht würde erst in einigen Minuten beginnen. Solange nutzten die schon Anwesenden die Zeit, um sich über Erlebnisse in den Ferien auszutauschen oder den Basketballkorb im Hof zu belagern. Lucas brach das spannende Ballspiel ab, als er Gabriel kommen sah, der auch immer zu den Ersten gehörte. Der blonde junge Mann steuerte den Platz an, an dem sie sich immer auf dem Schulhof trafen. Neben dem großen Betonplatz war ein Stück Rasen angelegt. Dort, wo der eine Boden in den anderen überging, waren am Rande des Schulgeländes zwei Eichen gepflanzt, daneben stand eine Holzbank. Gabriel lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Stämme und Lucas nahm seinen Stammplatz auf der linken Seite der Bank ein. „Hi“, begrüßte er seinen Freund, „Gibt’s was Neues?“ Gabriel schüttelte den Kopf „Nichts seit vorgestern Nachmittag, zumindest nicht bei mir“ „Immer noch schlecht gelaunt?“ fragte der Rothaarige. Der junge Mann mit der schwarzen Lederjacke schüttelte den Kopf „Mein letztes Schuljahr beginnt… dann sieht mich dieses Gelände nie wieder und ich sage auf Nimmerwiedersehen zu meinen Klassenkameraden. Klingt doch gut!“ „Man kommt mit allen klar, solange man sich darauf einlassen will“ verdrehte Lucas die Augen, der sehr viele oberflächliche Bekanntschaften pflegte, einfach weil er sich seine nicht ganz so festen Freunde nicht nach dem Musikgeschmack festlegte, sondern auch viele vom Sport kannte. „Will ich aber nicht“ Gabriel zuckte mit den Schultern. Einige Minuten später traf auch Daniel bei den beiden ein und setzte sich, genau wie früher Max, auf die Lehne der Bank. „Deine Musik hört man, bevor man dich kommen sieht“ merkte Lucas an und deutete auf Daniels Mp3-Player, „Die letzte Hypocrisy ist aber leider scheiße“. „Du hast keine Ahnung“ murmelte der Schwarzhaarige und fummelte an den Stöpseln in seinen Ohren herum, „Peter Tägtgren ist Gott, der Death Metal-Gott! Bald kommt das neue Album raus…“ „Ich scheiß auf Götter“ Lucas grinste, während er sich einen Dread hinters Ohr klemmte. Gabriel sah in Richtung Schulgebäude und blickte auf die Tür, die gerade vom Hausmeister aufgeschlossen wurde. „Wie siehts jetzt eigentlich mit deiner Versetzung aus?“ fragte er schließlich, was auch nicht besonders interessiert klang. „Das fragst du jetzt nach sechs Wochen?“ Daniel schüttelte den Kopf „Keine Chance! Ich mach also noch mal die Zehnte.“ „Hoho, mit 17 in der Zehnten… da werden dich die Kleinen aber auslachen!“ kicherte Lucas. Daniel drehte die Musik lauter auf und sprang von der Bank „Ach, halt’s Maul!“ „Fuck you!“ brüllte Lucas ihm lachend hinterher, sodass sich alle übrigen auf dem Schulhof zu ihm umdrehten. Gabriel verdreht nur die Augen.

 
Sebastian

Während der ältere, untersetzte Herr mit Glatze und Brille vorn an der Tafel etwas von Kreisberechnung, Durchmessern und Pi erzählte, schien es innerhalb der Klasse 10b viel interessantere Themen zu geben. Yvonne und ihre Mädels unterhielten sich leise gackernd über Jungen, Lippenstifte und Schuhe, weiter hinten zeigten sich Alkan, Ügür, Simon und ihre Freunde sich gegenseitig die neuen Handy-Klingeltöne von Jamba, während Suse ihrer Banknachbarin Kerstin von der letzten Folge „Verliebt in Berlin“ berichtete.

In der letzten Reihe saß ein kleiner, schmächtiger Junge mit dichtem Wuschelhaar, das ihm bis kurz über die Ohren reichte. Seine Aufmerksamkeit galt dem pastellgelben Löschblatt vor ihm, auf das er mit seinem Füller Bandlogos kritzelte. Während er noch das letzte große A von Metallica malte, flog ein Papierkügelchen gegen seine Schläfe, prallte an seinem Kopf ab und blieb auf dem „Iron Maiden“-O liegen. Der Kleine hob seinen Kopf und sah gerade noch, wie Yvonne sich wieder nach vorn drehte und zischte ihr „Blöde Kuh“ zu. „Jetzt ist aber Ruhe da hinten!“ ermahnte Herr Rüger ohne sich umzudrehen. Typisch! Sebastian, der Kleine, knirschte mit den Zähnen. Das Gerede von den anderen hörte er nie, aber wenn er seine Ehre verteidigen wollte, das versuchte der verbitterte Alte zu verhindern. Wütend trat er gegen das Bein des Tisches und blickte nach unten auf die Schnürsenkel seiner Turnschuhe. Untrue. In großen leuchtenden Buchstaben erschien dieses Wort in seinem Kopf. Er sollte Stiefel oder Chucks besitzen, nur leider hatte sein letztes Taschengeld gerade für das neue Hammerfall-Shirt gereicht, welches er heute sogar zu der ausgewaschenen Jeans trug. Seine Mutter hatte ihn einige Tage lang jedes Mal an den Preis der Hose erinnert, nachdem sie das Loch gesehen hatte, dass er mühevoll ins Knie des Hosenbeins geschnitten hatte. Danach hatte er sich geschworen, noch mehr hineinzuschneiden, doch bisher war er nicht dazugekommen.

Wieder drehte sich Yvonne um, diesmal war Sebastian schneller und warf seinen Radiergummi in ihre Richtung. Sie wich dem fliegenden Objekt aus und es traf den Rücken von Lars. Sebastian biss sich auf die Unterlippe. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Lars war der Größte und Stärkste der Klasse, mit dem sich nicht einmal Alkan und seine Clique anlegten. Der große Junge hatte sich zu ihm umgedreht und brüllte sauer „Hast du sie noch alle?! Warte auf die große Pause!!“ Da war schon Herr Rüger an die ersten Tische herangetreten und erhob die Stimme „Ist jetzt endlich leise hier!!? Ihr seid wirklich die schlimmste Klasse in eurem Jahrgang! Nie kann man hier einen vernünftigen Unterricht abhalten!“ Ein paar Mädchen beschwerten sich leise, dass sie damit gar nichts zu tun hätten und Lars warf Sebastian einen wütenden Blick zu, der mehr sagte als tausend Worte. Dieser schluckte. Er wusste, was das zu bedeuten hatte. Nach der Unterbrechung vom Lehrer ging der Unterricht ruhig weiter. Yvonne traute sich nichts mehr zu sagen, schrieb nur etwas auf einen Zettel, der durch die Bankreihen wanderte. Sebastian widmete sich wieder seinem Kunstwerk, das Gekichere der Mädchen ignorierend. Diese Klasse war sowieso unter seinem Niveau. Mit einem leicht saurem Blick sah der Kleine zu dem Jungen neben sich. Doch Tobias tat so, als hätte er von nichts etwas mitbekommen und las weiterhin im Mathebuch die Formeln der nächsten Unterrichtseinheit. Schließlich konnte er die Berechnung von Umfang und Flächeninhalt eines Kreises schon längst im Schlaf. Früher waren Sebastian und er einmal Freunde gewesen, doch seit dem Ende der Neunten war alles anders gewesen. Die Ferien über hatten sich die beiden kaum gesehen und nun die wenigen Wochen, die wieder Schule waren, hatten sie sich kein einziges Mal nach dem Unterricht getroffen. Tobias war spießig, ein Streber und blöd und überhaupt interessierte er sich keinen Deut für Maiden, Priest oder Manowar.

Als der kleine Zettel schließlich an Sebastians Platz ankam, las er was daraufstand: „Sepp ist doof und sieht aus wie ein Mädchen.“ Darunter standen in verschiedenen Gerade-erst-Zehntklässler-Schrifttypen die Zustimmungsbekündungen der anderen Klassenkameraden, der erste Satz verriet Yvonnes verschnörkelte Handschrift. Sepp, das war er, Sebastian. Zumindest war es der Spitzname, den ihm seine Mitschüler gegeben hatten. Und dass er aussah wie ein Mädchen stimmte gar nicht, war aber eine Anspielung darauf, dass er sich die Haare wachsen ließ. Dass sie noch nicht bis an seinen Arsch –na gut, nicht einmal bis zum Nacken- reichten, entschuldigte er sich selbst damit, dass sogar Bruce Dickinson keine langen Haare mehr hatte. Irgendwann würde er es den Idioten in dieser Klasse schon zeigen, wenn Hector von Hammerfall in der Schule auftauchen würde und mit seinem großen Hammer alle richten würde, die ihm etwas Böses wollten. Ja, er war ein Ritter des 21. Jahrhundert, ein Templer des Stahls, ein Bruder des Metalls, ein Krieger, der Meister der Marionetten, der siebte Sohn eines siebten Sohnes oder so ähnlich… zumindest war er mehr Metal als seine ganze Klasse –ach, die ganze Schule, das ganze Dorf, die ganze Welt- und so musste er auch gar nichts auf ihre Meinung geben.

 
Begegnung

Die erste Stunde nach der großen Pause war Latein. Eigentlich ein Fach, das nicht viele mochten, doch für einige Schüler dennoch ein Grund sich zu freuen, da in diesen Unterrichtsstunden die Klassen gemischt wurden, da sie sich andersweitig in Französisch oder Latein spalteten. So konnte man auch in einer Stunde am Tag mit den Freunden aus der Parallelklasse zusammensein, wenn man sich ansonsten nur in den Pausen sehen konnte. Für Sebastian war das weniger spektakulär, da er auch in den anderen Klassen keine Freunde hatte, aber an diesem Tag war er gleich nach der vorherigen Stunde an seinen Platz gegangen und hatte diesen auch nicht für die Pause verlassen. Auch wenn er es sich nicht eingestehen konnte, hatte er zu viel Angst davor, allein auf den Schulhof zu gehen. Schließlich hatte ihm Lars, der brutalste Schläger in seinem Jahrgang, gedroht und das konnte nichts Gutes bedeuten. Sebastian war mindestens zwei Köpfe kleiner als er und in Lars’ Hosen würde er fast dreimal hineinpassen. So tat er, als würde er in seinem Cäsar lesen, als die anderen Schüler kurz vor dem Klingeln ins Klassenzimmer kamen und die Klassensprecherin verkündete und an die Tafel schrieb, dass der Lehrer heute etwas später in den Unterricht kommen würde, da noch eine Konferenz sei. Solange sollten sie schon einmal den nächsten Text übersetzen, was natürlich keiner tat und der Lehrer erwartete es auch nicht im Ernst von ihnen. Kurz sah Sebastian noch einmal auf, als der einzig interessante Schüler der Parallelklasse den Raum betrat. Er hatte lange Haare und Sebastian kannte ihn kaum, da er diese Klasse erst seit dem vor kurzem begonnenen Schuljahr besuchte. Gerne hätte er ihn gefragt, ob die Schriftzüge auf seinen T-Shirts Bandnamen waren und ob er seine Haare wegen seiner Musik so trug, hatte es jedoch nicht getan. Dann widmete er sich wieder dem Zeichnen von Logos.

Die Türe fiel mit einem lauten Knall zu und Sebastian schreckte von seiner Zeichnung auf, was dem S von Judas Priest einen viel zu langen Ausläufer bescherte. Lars hatte den Raum betreten und schien noch wütender als schon in der Mathestunde. „Feigling, elendiger!“ schnaubte er „Stell dich deinem Schicksal, du faselst doch immer vom Rittertum!! Die hätten sich sicher nicht im Klassenzimmer versteckt, die Ritter!“ Eigentlich wollte Sebastian „Ich verstecke mich nicht“ oder etwas Ähnliches antworten, aber er brachte keinen Ton heraus, als Lars sich in seiner vollen Höhe und Breite vor ihm aufbaute. Leicht reizbar war er und nachtragend. Wann immer er einen Grund fand, jemandem eins überzuziehen, tat er es mit noch mehr Begeisterung als einfach nur so, was nicht heißen sollte, dass Letzteres selten vorkam. Von daher hatte Sebastian schon einen großen Respekt vor ihm, doch es fiel ihm manchmal leicht, dies zu verstecken. Nach einigen Sekunden, die dem Kleinen wie Stunden vorkamen, in denen sich beide nur schweigend in die Augen gesehen hatte, hörte er sich sagen „Du willst was von mir? Verpiss dich doch einfach!“ und hätte sich gleich danach für diese Worte schlagen können. Das war nicht klug, ganz und gar nicht. Lars sah ihn an „Ich hab mich wohl verhört!!“ dröhnte es in Sebastians Ohren und noch ehe er recht denken konnte, fühlte er sich schon am Kragen gepackt „Sag das nochmal… Zwerg!“ Lars hielt ihn sehr fest, selbst wenn er es sich getraut hätte es zu versuchen, hätte er sich nicht aus diesem Griff befreien können. „Kleiner Schisser… dir werden deine frechen Sprüche schon noch vergehen!“ Sebastian sah wie in Zeitlupe, wie Lars seine rechte Hand zur Faust ballte, ausholte und- schnell schloss er die Augen und erwartete, was kommen würde, doch nichts geschah.

Stattdessen hörte er Lars’ aufgebrachte Stimme „Misch dich hier nicht ein! Du glaubst wohl, du kannst hier reinkommen und dich aufspielen? Nicht mit mir!“ Doch noch immer passierte nichts. Sebastian fühlte sogar, wie sich der Griff um seinen Kragen lockerte und Lars ihn schließlich ganz losließ, er sank zurück auf seinen Stuhl. Vorsichtig öffnete der Kleine seine Augen und blickte nach oben, wo sich nun Lars und der Neue in der Parallelklasse gegenüber standen. Dieser war zwar nicht ganz so kräftig gebaut, doch einige Zentimeter größer als Lars und hatte einen Ausdruck auf dem Gesicht, der Lars doch sichtbar einige Stufen von ihm heruntersetzte. Wo er Sebastians Meinung nach hingehörte. Der Langhaarige hielt Lars’ Hand fest und nach seinen Worten an ihn folgte erst einmal gar nichts. „Legst dich wohl nur mit Leuten an, die Kleiner sind als du, was?“ murmelte der Kerl mit den langen schwarzen Haaren, bevor er den leicht eingeschüchterten Lars von Sebastians Tisch wegstieß, was sich dieser aufgrund des Überraschungseffektes auch gefallen ließ. Der Neue strahlte eine Sicherheit, eine Überlegenheit aus, die es Lars nicht einmal wagen ließ, sich mit ihm anzulegen, auch wenn er körperlich wohl kräftiger sein mochte. So verzog er sich nur murrend und mit bösen Blicken zu seinem Platz. Sebastian starrte den anderen perplex an, als dieser sich nun auch von seinem Tisch entfernte. „Danke!“ sagte der Kleine, nachdem er seine Stimme wiedergefunden hatte. „Bild dir nichts drauf ein, Poser“ war nur die leise gemurmelte Antwort, bevor der Langhaarige sich umdrehte und zu seinem eigenen Stuhl ging. Eine Weile sah er ihm noch hinterher, blickte dann zu Lars und schließlich wieder zu dem Neuen. Das hätte er nun wirklich nicht von ihm gedacht, aber es beeindruckte ihn schwer. In den Wochen, die sie nun zusammen Latein hatten, hatte er nichts von ihm gehört oder gesehen, er meldete sich nur, wenn der Lehrer fragte, wer die Hausaufgaben nicht gemacht hatte und hörte ansonsten heimlich Musik mit seinem Mp3-Player. Sebastian musterte ihn nun genauer, während der Lehrer nun in die Klasse kam und mit dem Unterricht begann, wovon der Kerl keine Notiz nehmen zu schien. Er trug eine schwarze Jeans, schwarze schmutzige Chucks, ein T-Shirt und darüber einen Kapuzenpulli mit geöffnetem Reißverschluss. Auf dem Shirt stand ein Wort. Der Kleine lehnte sich von seinem Platz aus leicht nach vorn, um es lesen zu können. „Hypochrist“ oder so ähnlich… die Schrift war nicht ganz leicht zu entziffern. Darunter war ein Bild von drei Aliens in blauem Licht und noch weiter unten stand „The Arrival“. Sebastian dachte nach, doch er konnte sich nicht daran erinnern, schon etwas von der Band gehört zu haben. Vielleicht waren das irgendwelche Newcomer aus der Gegend...




Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung